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01.07.2026
Wie Männlichkeit entsteht – und was das mit uns macht. Von den Jungs von damals für die Männer von morgen.
Als Junge wollte ich vor allem eins sein: nicht schwach. Deshalb faszinierte mich an Männern und männlichen Figuren besonders ihre Souveränität, ihre Coolness und ihre stille, manchmal laute Überlegenheit. Lieber gefürchtet als geliebt.

Lieber gefürchtet als geliebt – was ich als Junge wollte
Als Junge wollte ich vor allem eins sein: nicht schwach. Deshalb faszinierte mich an Männern und männlichen Figuren besonders ihre Souveränität, ihre Coolness und ihre stille, manchmal laute Überlegenheit. Lieber gefürchtet als geliebt.
Später waren es weniger die Actionfiguren und Filmhelden, dafür mehr die tätowierten Frontmänner von Punk- und Metalbands. Die Attraktion war dieselbe. Sie verkörperten das, was ich vermeintlich brauchte. Weniger Gefühle, mehr Härte. Weniger Verletzlichkeit, mehr „berührt-mich-nicht“. Weniger Hilfsbedürftigkeit, mehr „komme-alleine-klar.“ Und nebenbei ist man auch noch sozial eingebunden, hat eine Menge Spaß und ist immer mittendrin. Ein Traum für mein jugendliches Selbst, das irgendwie ganz gerne Junge bzw. Mann sein wollte, gleichzeitig von einem ewigen „Nie genug“, von Versagensangst und einem stetigen Druckgefühl durchdrungen war.
Was meine Idole verschwiegen haben
Jetzt, fast 20 Jahre später, weiß ich, dass viele meiner Idole unter emotional oder körperlich gewalttätigen Vätern oder ohne Vater aufgewachsen sind. Dass sie Gewalt erlebten, die meistens von anderen Männern ausging. Dass sie unter dem Zwang, ein richtiger Mann zu werden, früh gebrochen wurden und Teile ihres Selbst einsperren oder abtöten mussten, um zu überleben. All das Kostbare, Sanfte, Liebevolle.
Mir wird bewusst, dass sie das, worunter sie litten, eigentlich mit demselben bekämpften: mit traditioneller Männlichkeit. „Life is hard - be harder.“ Der alte, rostige Staffelstab der vermeintlich"echten" Männlichkeit wurde einmal mehr von einer Generation an die nächste weitergereicht.“
Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin vielen meiner männlichen Idole dankbar. Für die Motivation, sich durch harte Zeiten durchzubeißen. Für den Glauben an mich selbst und die Verfolgung eigener Träume. Und natürlich auch für eine Menge großartiger, aufregender und lustiger Erlebnisse.
Drei Dinge, die ich als junger Mann nicht verstand
Das Problem ist eher, dass ich junger Mann drei Dinge nicht verstanden hatte:
Erstens, dass ich von den meisten meiner Idole nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Lebensrealität mitbekam. Dass ich das, was sie sagten, sangen und verkörperten nicht unbedingt für bare Münze hätte nehmen dürfen. Hätte ich nur mitbekommen, worüber sie schwiegen. Wie mir das als junger Mann geholfen hätte!
Zweitens, dass, selbst wenn einige von ihnen durch und durch „starke Männer“ waren - unnahbar, hart im Nehmen, rational & lösungsorientiert - mir diese Fähigkeiten und Eigenschaften zwar im Sport oder in der Arbeitswelt gegebenenfalls später helfen würden, nicht aber in meinen Liebesbeziehungen, meinen Freundschaften, meiner Sexualität und in meiner Vaterschaft. Ebenso würden sie mir später nicht dabei helfen, meinen Körper gut zu behandeln, mich um mich selber zu kümmern und meine mentale Gesundheit zu pflegen. (Und nicht zuletzt: Ich bin auch einfach nicht so. Also hart, unnahbar, dominant. Ich war es noch nie und ich will es auch nicht sein.)
Drittens, dass meine Idole nie in meinem Alltag präsent waren. Dadurch, dass reale männliche Bezugspersonen mit Abwesenheit glänzten (Papa ist auf Arbeit, kaum männliche Erzieher, unnahbare männliche Lehrer) suchte ich meine Vorbilder eben in der Ferne: bei den coolen Typen auf dem Schulhof, den Filmfiguren, den Rockstars. Also meistens den Fata Morganas der Männlichkeit.
Was zeitgemäße Männlichkeit heute bedeutet
Die Folgen meiner Erziehung zum Mann waren unter anderem Unfälle durch risikoreiches Verhalten, Alkoholmissbrauch, Überforderung in meiner Beziehung und in meiner Vaterschaft, Depressionen und ein stilles Zerwürfnis mit meinem eigenen Vater. Die Liste an offensichtlichen und subtileren Konsequenzen könnte ich an dieser Stelle fortsetzen, belasse es aber dabei.
Heute kann ich das besser differenzieren. Ich gehe immer noch auf Konzerte harter Musik, schaue mir manchmal Stirb Langsam an und gehe zum Fußball. Ich mag immer noch den Style, den ich als 18-jähriger bei meinen männlichen Idolen cool fand. Gleichzeitig begrüße ich meine Freunde mit einer innigen Umarmung, feiere sanfte Liebeslieder, farbenfrohe Kleidung, Make-Up & Nails, tanze lieber als früher, bin auch unter Männern entspannter und gestalte mein Leben so, dass ich aktiv beim Großwerden meiner Kinder dabei bin. Und: Ich habe mich mit meinem Vater versöhnt. Ich habe ihn lieb und genieße die Zeit, die wir miteinander haben. Was für ein Lottogewinn.
Wir leben in Zeiten, in denen die „starke Männlichkeit“ in all ihren schädlichen und hässlichen, leider aber auch in ihren für viele junge Männer attraktiven Formen wieder an Anziehungskraft gewinnt.
Ihr, die das lest, seid jetzt die Vorbilder für die Jungen von heute und die Männer von morgen. Seid mutig, euch zu zeigen, wie ihr seid. In eurer liebenswerten Unvollkommenheit, euren Fähigkeiten & Fehlern, eurer Stärke & Sanftheit. Lasst uns in Engelbert-Strauss-Hosen über unsere Bedürfnisse sprechen, durch unsere Bärte hindurch ehrliche Worte finden für das, was wir fühlen. Lasst uns mutig sein, echte Begeisterung zu zeigen. Lasst Umarmungen unter Männern alltäglich werden. Zeigt eure Liebe. Lasst uns Therapie und mentale Gesundheit genauso feiern wie Werkzeuge & Baumaschinen. Lasst uns Muskeln & Schweiß genauso feiern wie Tanzen und Spielen. Lasst uns unser Ausprobieren und Scheitern genau so feiern wie unsere Erfolge.